Neues Fach Informatik als Herausforderung für Lehrer/innen und Schüler/innen

Bildungspolitik

Neues Fach Informatik als Herausforderung für Lehrer/innen und Schüler/innen

Die Ausgangslage: Vorstellung des Fachs Informatik

Seit dem laufenden Schuljahr gibt es an den Mittelschulen das neue Fach Informatik, das einstündig im Stundenplan verankert ist. Nicht nur für die Schülerinnen und Schüler bedeutet die Einführung eines neuen Arbeitsgebietes das Betreten von unbekanntem Terrain, was mit vielen Unsicherheiten verbunden ist, sondern auch und insbesondere für die Lehrerinnen und Lehrer. Daneben stellt die Einführung des neuen Schulfachs auch eine Herausforderung für die Schulen insgesamt dar, da die zusätzlichen Unterrichtsstunden von meist fachfremden Klassenleitungen, und nicht, wie man annehmen könnte, von den Fachlehrern, die die Fächer Wirtschaft und Technik unterrichten und somit von Haus aus qualifizierter wären, auch das neue Fach zu übernehmen, abgeleistet werden müssen, ohne, dass zusätzliches Lehrpersonal dafür eingeplant wird. Um die Übergangsphase der vollständigen Implementierung des Fachs Informatik für die Lehrerinnen und Lehrer etwas einfacher zu gestalten, wurden diese zu Anfang des Schuljahres von denjenigen Lehrkräften an ihrer Schule, die eine Fortbildung zum Fach Informatik besucht haben, in Form einer schulinternen Lehrerfortbildung (Schilf) in die Struktur und den Aufbau des Fachs eingeführt. Dabei wird das Schulfach noch nicht in allen Jahrgangsstufen gleichzeitig unterrichtet. So wird es derzeit nur in der fünften und siebten Jahrgangsstufe mit identischem Lehrplan angeboten. Im kommenden Schuljahr wird der Lehrplan um die sechsten und achten Klassen erweitert und im übernächsten Jahr für die neunte Jahrgangsstufe weiter ausgebaut. Somit ist gewährleistet, dass die derzeitigen Fünftklässler als erste einmal den gesamten Turnus durchlaufen. Es handelt sich beim Lehrplan des Fachs Informatik um eine genehmigte Entwurfsfassung, die entsprechend der obigen Erläuterungen ständig erweitert wird. Sowohl die Unterrichtsinhalte als auch das zu verwendende Material finden alle Lehrkräfte, die Informatik unterrichten, auf der Lernplattform Mebis (Medien, Bildung und Service) des Bayerischen Kultusministeriums. Dort kann man den angelegten Kurs „Informatik“ aufrufen als auch auf die Mediathek für passendes Videomaterial zurückgreifen. Die Abfolge der Lerneinheiten ist vorstrukturiert und Lehr- und Lernmaterial wird zum Herunterladen zur Verfügung gestellt. Bezüglich des Qualifizierenden Abschlusses der Mittelschule kann das Fach Informatik neben Fächern wie Ethik, Religion, Sport, Musik und Kunst als prüfungsrelevantes Fach in Fächergruppe fünf gewählt werden.

Befragung der Lehrenden zum neuen Unterrichtsgegenstand

Um einen ersten Eindruck zu gewinnen, wie die Eingewöhnungsphase des Fachs Informatik für die Lehrenden und die Schüler/innen derzeit verläuft, wurde an fünf Mittelschulen in München eine Umfrage zum neuen Unterrichtsgegenstand durchgeführt. Dabei wurden insgesamt 23 Lehrkräfte befragt, die Informatik seit diesem Schuljahr in der fünften oder siebten Jahrgangsstufe unterrichten. Die Umfrage erfasste wesentliche Aspekte des neuen Arbeitsgebietes.

Auf die Frage nach ihrer derzeitigen Gemütslage hinsichtlich des neuen Schulfachs antworteten die meisten der Befragten, dass sie einigermaßen zufrieden seien. Nur vereinzelt wurde die Gemütslage als gut oder schlecht angegeben. Einig sind sich die Befragten darin, dass das vorgegebene Material der verschiedenen Unterrichtssequenzen gut ausgearbeitet, anschaulich und interessant ist und auf Seiten der Schülerinnen und Schüler für eine gewisse Grundmotivation und Spaß am Unterricht sorgt. Auch die Einheiten zum Programmieren werden von den Lernenden positiv aufgenommen und von den Schulen umgesetzt. Das läuft also bereits gut und in dieser Hinsicht gibt es wenige Probleme. Insgesamt werden an den Schulen vermehrt technische Mängel angeführt, wie z. B. eine zu langsame Internetverbindung, überlastete Netzwerke, veraltete und behäbige Rechner oder zu kleine Computerräume mit mangelnder Ausstattung an Computern. Die Bestückung der Schulen mit Tablets im Klassensatz wäre dabei sehr hilfreich, so lautet eine Forderung. Daneben werden vorhandene Zeitnot (45 Minuten pro Lerneinheit), nicht vorhandene Grundkenntnisse der Kinder, fehlendes Material zum adäquaten Sichern der Unterrichtsinhalte, unterschiedliche Benutzeroberflächen der Schülerarbeitsplätze oder das Abprüfen in Form von Leistungsnachweisen des Unterrichtsstoffes als problematisch identifiziert. Als Lösungsvorschlag, das Zeitproblem zu beheben, wird z. B. statt einer Einzelstunde pro Woche eine Doppelstunde alle zwei Wochen gefordert.

Beim Material sind sich die Lehrenden weitgehend einig, dass es gut aufbereitet und auch leicht verständlich ist. Teils wird eine Über- oder Unterforderung der Schüler/innen oder eine gewisse Umständlichkeit des zur Verfügung gestellten Materials moniert. Außerdem gebe es so gut wie keine Möglichkeiten der Differenzierung, kein Angebot zur Erstellung von Leistungsnachweisen und kein analoges Arbeitsheft zu fehlenden Lehrplaninhalten. Nur wenige Lehrkräfte sind mit dem Material gänzlich unzufrieden.

Auch den Aufbau der Inhalte des Fachs finden die Befragten fast durchgehend logisch und sinnvoll. Dabei geht man von einfachen zu schwierigeren Unterrichtsinhalten über. Dennoch wird der Wunsch geäußert, dass in den kommenden Jahren nach der Erprobung alle Lernbereiche in das Material integriert werden (derzeit nur digitaler Informationsaustausch und Programmieren). Als Verbesserungsvorschlägewerden zu diesem Punkt mehr Inhalte zur Hardware und zu technischen Aspekten bzw. zu technischen Berufen gefordert. Nach Meinung mancher Lehrer/innen sind die Einheiten zum Programmieren für die Schüler/innen sehr bzw. zu anspruchsvoll gestaltet, zumal diese einen recht unterschiedlichen Wissensstand bezüglich dieses Fachgebietes haben.

Nach Entwicklungsvorschlägen gefragt, wird geantwortet, dass es mehr praxisorientierte Stunden am Computer selbst geben solle, Smartphones bzw. Touchscreens integriert und vor allem soziale Medien verstärkt thematisiert werden sollen (rechtliche Bestimmungen und Nutzungsbedingungen). Weitere Forderungen lauten: Gründliche Überarbeitung des zur Verfügung gestellten Materials, ein passendes Fortbildungsangebot für alle unterrichtenden Lehrkräfte, mehr Lehrerstunden zur Bildung kleinerer Schülergruppen und der Einsatz von Fachlehrern. Insgesamt sollten die Mittelschulen stärker bei der Digitalisierung berücksichtigt werden, damit auch ein sinnvoll gestalteter Informatikunterricht möglich ist. Als sehr förderlich wird des Weiteren die Einbettung der Microsoft Office-Programme in das Curriculum erachtet, da die Kinder und Jugendlichen derzeit und auch später damit umgehen können müssten.

Das Fach Informatik wird insgesamt weitestgehend als sinnvoll klassifiziert. Lebensweltbezug und Zukunftsorientierung seien gegeben. Für unausgebildete Lehrkräfte allerdings sei das Unterrichten des Fachs eine kleine bis große Herausforderung.

Andre Grenzebach, Stellv. Pressereferent

 

 

Kommentar - Chance vertan

In der Mittelschule wird das Fach Informatik eingeführt. Es dürfen nicht die Lehrer unterrichten, die die Inhalte in ihrer Ausbildung am Staatsinstitut von der Pike auf gelernt haben. Ausgebildete Fachlehrerinnen und Fachlehrer schulen die Klassenlehrer, springen bei Problemen ein und unterstützen die Lehrkräfte, die „ihr“ Fach unterrichten.

Das Kultusministerium hätte die Einführung des Faches „Informatik“ leichter haben können, hätten sie denn die dafür ausgebildeten Fachlehrer eingesetzt. Chance vertan!

Wir haben zu wenig Fachlehrkräfte? Das ist für den MLLV keine neue Erkenntnis. Seit Jahrzehnten weißt der MLLV auf die Problematik in der Großstadt hin und legt Lösungskonzepte vor. Wir wurden jahrelang vertröstet und hingehalten.

Wir haben auch zu wenig Klassenlehrkräfte. Deswegen müssen wir endlich bei der Ausbildung beginnen.

Eine kurzfristige Lösung hätte mit einer Nachqualifikation der Fachlehrkräfte musisch/technisch und der Fachlehrkräfte für Kommunikationstechnik gefunden werden können. Berufsbegleitend hätten sich die Fachlehrkräfte noch besser qualifizieren und die Kenntnisse in Informatik vertiefen können. So wie mit den FL m/t an den Realschulen verfahren wird. Diese werden seit Jahren in Dillingen zusatzqualifiziert. Chance vertan!

Es fehlen unter den Klassenlehrkräften Experten für die Koordinatorenstelle für Digitale Bildung. Zur Überbrückung übernehmen einige Fachlehrkräfte diese Stellen. Schade, dass die Stellenausschreibungen sehr eng gefasst sind. Würde man die Stellen für praxiserfahrene Fachlehrer und MiBs (medienpädagogisch-informationstechnische Berater) und Mittelschullehrer, die Medienpädagogik studiert haben, ausschreiben, könnte der Mehrwert von gemischten Teams gewonnen werden. Es ist erwiesen, dass gemischte Teams erfolgreicher arbeiten. Chance vertan!

 

Gedanken des französischen Schriftstellers Victor Maria Hugo

„Die Zukunft hat viele Namen:
Für Schwache ist sie das Unerreichbare,
für die Furchtsamen das Unbekannte,
für die Mutigen die Chance.“

 

Waltraud Lučić